6. August 2009

Der Startschuss ist gefallen – Der Wahlkampf im politischen Web hat begonnen
nicht bewertet — linkfluence_de @ 9 h 43 min

Der offizielle Launch des „Deutschland-Plans“ von Frank-Walter Steinmeier am 3. August hat das politische Web auf Trab gebracht. Man merkt deutlich, wie das Aktivitätsniveau anzieht. Der Wahlkampf im politischen Web hat begonnen.

Wir haben vom 01.08.2009 bis zum 05.08.2009 (11.00 Uhr) die Beiträge im politischen Web zum Deutschland-Plan analysiert. Insgesamt 740 Beiträge und Postings entfielen auf dieses Thema. Damit hat es Frank-Walter Steinmeier geschafft, wieder mehr im Gespräch zu sein. Seit längerer Zeit zum ersten Mal liegt er wieder vor Angela Merkel und Ursula von der Leyen, was die Anzahl der Beiträge und Postings betrifft.

Vorläufig reagieren die Blogger noch relativ zurückhaltend, während die professionellen Onlinemedien hochaktiv sind. Einerseits ist das typisch für den Zyklus solcher Themen, andererseits könnte auch die Urlaubszeit eine Rolle spielen. Auch Blogger spannen mal aus und fahren weg. Man wird sehen, wie sich das Thema unter den Bloggern weiter entwickelt.

Die Reaktionen und Meinungen in den verschiedenen Sub-Communities fallensehr unterschiedlich aus. Im Web, in dem üblicherweise mit deutlichen Worten nicht gespart wird, findet sich die gesamte Breite möglicher Reaktionen: von Anerkennung und Lob über Ablehnung bis zu Hohn und Spott.

Die Zahlen für den Share of Voice der Communities im Einzelnen (Beiträge zu Frank-Walter Steinmeier/Deutschland-Plan in Prozent aller Beiträge):

  • Professionelle Medienseiten: 63 %
  • Nicht parteinahe Institutionen/Organisationen/Verbände etc.: 18 %
  • Sozialdemokratische Community: 7 %
  • Liberale Community: 3 %
  • Linke Community: 3 %
  • Satire Community: 3 %
  • Konservative Community: 2 %
  • Rechte Community: 0,5 %
  • Grüne Community: 0,3 %

In den professionellen Medienseiten wird durchaus differenziert, aber auch sehr pointiert berichtet. Immerhin gibt es konkreten Stoff, d.h. Vorschläge und Ziele, an denen man sich abarbeiten kann. Das lässt erwarten, dass die Debatte etwas länger anhält und der Deutschland-Plan bzw. Teile daraus in den nächsten Wochen auch in den Medien immer wieder zur Sprache kommen wird, statt spurenlos aus der Aktualität zu verschwinden. Die Reaktionen sind auch hier vielfältig:

Von „Steinmeiers Sommermärchen“ spricht n-tv.de. Deutschland-Plan als „Leuchtendes Ziel, unklarer Weg“ titelt taz.de. „Lob, Kritik, und die Furcht vor der ‚Planwirtschaft‘: Steinmeiers Deutschland-Plan polarisiert“ schreibt netzeitung.de. „Steinmeiers Plan: Endlich ein Wahlkampf-Thema“ hofft ZEIT ONLINE. „Steinmeier entwirft Vision für Millionen neue Jobs“, meint die Märkische Allgemeine Online.

Schnelle und zahlreiche Reaktionen finden sich in der Community der nicht partei-orientierten Organisationen und Blogger. Auf breiter Front fällt das Urteil negativ aus. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die SPD mit ihrem Plan auf eine mittlerweile weit verbreitete Inkompetenz-Vermutung und Negativ-Wahrnehmung stößt. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen dominieren harte Worte: Man wittert unrealistische Ziele, wohlfeile Wahlkampflügen, verzweifeltes Aufbäumen gegen die Erfolglosigkeit, Hilf- und Planlosigkeit in der Umsetzung. Nur wenige Stimmen raten dazu, das Papier erst mal zu lesen, und dann zu urteilen.

Für die sozialdemokratische Blogosphere ist die Ankündigung des Deutschland-Plans dagegen offenbar Balsam auf die geschundene Seele. Der Auftritt wird nicht nur besonders häufig, sondern auch sehr positiv kommentiert. Man spricht von einer Weichenstellung für die Zukunft Deutschlands (und der SPD). Frank-Walter Steinmeier gilt nun als anpackend, intelligent, zukunftsweisend, solide. Es scheint, als könnte der Plan auf die eigenen Truppen wie gewünscht wirken: Die Auseinandersetzung durchaus zeitgerecht auf wichtige Themen zu fokussieren, aus Sicht der SPD-nahen Community die richtigen Argumente zu liefern und damit wieder Hoffnung und eine kämpferische Grundstimmung zu schaffen. Nicht zu übersehen ist deshalb auch die Erleichterung und die Freude darüber, endlich wieder einmal in der Offensive zu sein.

Stiller dagegen ist es noch bei den politischen Konkurrenten. Entweder will man das Papier erst mal genauer analysieren und verdauen, bevor man zurückschlägt, oder man will es ignorieren.

In den noch wenigen Beiträgen der Konservativen-Blogs werden Steinmeiers Pläne scharf kritisiert, man wirft ihm gar „Großmäuligkeit“ vor. Gefahr sieht man durch das Kompetenz-Team und dessen Pläne nicht aufkommen. Aber es gibt nun auch Stimmen, die vor Übermut warnen und darauf hinweisen, dass die Wahl noch nicht gelaufen sei.

Die liberale Community geht mit Steinmeier und dem Deutschland-Plan noch härter ins Gericht. Das Thema Vollbeschäftigung und das Ziel von 4 Millionen neuen Jobs wird als unseriöses Versprechen tituliert, es sei „völlig unglaubwürdig und blödsinnig“. Frank-Walter Steinmeier wird gar als tragisch-komischer und flügellahmer Superheld verspottet.

Auch in Teilen der linken Community geht man mit den Plänen nicht gerade zimperlich um. Das Kompetenz-Team wird als „letztes Aufgebot“ verhöhnt und Steinmeier als Schröder-Kopie bezeichnet. Die Diskussion um Vollbeschäftigung durch Zweitjobs wird sehr kritisch gesehen. Man spricht gar von „Zwangsarbeitern für den Mittelstand“.

Die anderen Communities konnten aufgrund zu weniger Beiträge qualitativ nicht sinnvoll ausgewertet werden.

Die Reaktionen in diesem kurzen Zeitraum haben zumindest eines gezeigt: Im Web 2.0 wird unverblümt diskutiert. Sehr gut erkennbar wird dabei, wo emotionale Widerstandspunkte und Reaktanzen liegen und welche Rolle ein verfestigtes Image spielen kann. Damit liegen die Reaktionen im politischen Web 2.0 vermutlich nicht weit entfernt von denen im Rest der Bevölkerung.

Frank-Walter Steinmeier stemmt sich nun mit seinem Kompetenz-Team und dem Deutschland-Plan gegen diesen Trend. Einen Kantersieg davongetragen hat er dabei sicher nicht. Nichtsdestotrotz ist die Bilanz nicht völlig verhagelt:

  • Er hat es geschafft, Aufmerksamkeit zu binden, auch im politischen Web. Er erscheint als Kanzlerkandidat wieder auf dem Radar der Blogosphäre und der Medien.
  • Er kommt in die Offensive und beeinflusst dadurch in dieser Woche die Agenda der politischen Diskussion.
  • Er wird mit seinen Vorschlägen diskutiert. Es gelingt ihm dadurch zumindest partiell, von einer reinen Schicksalsdebatte über die unglücklich operierende Verlierer-SPD zurück zu Inhalten zu kommen.
  • Er trifft positiv ins Schwarze seiner eigenen Anhänger. Nichts ist dort wichtiger, als Kampfbereitschaft zu wecken, politischen Sinn und Ziele zu vermitteln, die Reihen zu schließen und dadurch wahlkampf- und kampagnenfähig zu werden. Die ersten Reaktionen der sozialdemokratischen Web 2.0-Community können ihn hier hoffen lassen.

Und schließlich birgt auch heftiger politischer und inhaltlicher Gegenwind noch Trost. Denn wer Wahlkämpfe verfolgt, weiß, dass es auch nicht weiterhilft, konturenlos, langweilig und nicht mal diskussionswürdig zu sein: Viel Feind, viel Ehr, kein Feind keine Ehr.

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