Der Wahlkampfstart steckt doch noch im Sommerloch fest. Diese Einschätzung drängt sich auf, wenn man den Stand der Dinge um die alle vier Jahre stattfindende, eigentlich doch richtungsweisende Bundestagswahl zusammenfasst. Die richtig großen Themen fehlen ebenso wie die richtig interessanten Alternativen. In einer solchen Situation können Ereignisse den Weg in die öffentliche Aufmerksamkeit schaffen, die normalerweise nur das Potenzial zur Glosse haben. Das Ergebnis ist ein kleines Lehrstück über die Vordergründigkeit von Erfolgskennziffern und die Tücken von Aufmerksamkeit.
Was ist passiert: Vera Lengsfeld, die für die CDU in Berlin-Kreuzberg gegen Christian Ströbele, den einzigen direkt gewählten Grünen-Abgeordneten, um den Einzug in den Bundestag kandidiert, launcht ein Plakat mit ihr und Bundekanzlerin Angela Merkel. Dort sieht man sie und die Kanzlerin, tief dekolletiert und mit Perlenkette um den Hals über dem Claim: “Wir haben mehr zu bieten!”. Sie verschafft sich damit allerhand Aufmerksamkeit. Die Tagespresse schreibt, das politische Web schreibt, auf Ihrem Blog steigen die Besucherzahlen in ungewohnte Höhen. Für Frau Lengsfeld ist diese Aktion deshalb ein voller Erfolg. Am 12.8.2009 titelt sie in ihrem Blog: “Unser Plakat ist ein Welthit und 31.500 Besucher auf unserem Blog!”
Die Forscher von Q Agentur für Forschung und linkfluence wollten es genauer wissen und sind der Webresonanz auf diese Aktion nachgegangen. Und tatsächlich, die Plakatkampagne hat zumindest eines erreicht: Im Jahr 2009 gab es ca. 220 Posts und Beiträge über Vera Lengsfeld im politischen Web. Davon ca. 100 allein in den letzten 3 Tagen. (Stand 12.8. abends). Und 31.500 Blogbesucher sind für Frau Lengsfeld sicher auch kein Pappenstiel. Damit ist zunächst ein wichtiges Kommunikationsziel erreicht: Die Awareness konnte beträchtlich gesteigert werden. Auch daheim in Kreuzberg könnte das Thema den Alltag bereichern.
Awareness aber ist nicht alles, und tatsächlich gibt es eine andere Seite der Medaille, die weder Frau Lengsfeld noch den Wahlkämpfern der Union gefallen dürfte: die Reaktionen der ersten Tage sind eine schlichte Katastrophe. Davon zeugen zahlreiche Kommentare auf ihrem Blog, aber auch die Reaktionen im politischen Web. Ganze 3 Prozent sind positiv, 40% neutral oder journalistisch emotionslos, letztere fast ausschließlich von professionellen Medienseiten. 57% dagegen sind negativ, höhnisch oder im besten Falle von ungläubigem Staunen geprägt. Einige Beispiele von Schlagzeilen illustrieren diesen Eindruck
* Bild.de: “Dekolleté und Knack-Po - So versext war der Wahlkampf noch nie”
* taz.de: “Bizarres Plakat von CDU-Kandidatin: Busen-Wahlkampf in Berlin”
* WELT ONLINE: “Sex sells: CDU-Politikerin setzt Oberweiten im Wahlkampf ein”
* sueddeutsche.de: “CDU: Lengsfeld wie Merkel: Das politische Dekolleté”
Vera Lengsfeld selbst verteidigt ihr Plakat im Gespräch mit dem Tagesspiegel (Lengsfeld-Plakat: “Es ist kein Sex, sondern Humor”). Sie lässt uns über die Berliner Tageszeitung wissen: “Wer die Selbstironie nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen”. (tagesspiegel.de vom 11.8.09)
Offenbar ist vielen nicht zu helfen: soweit es die Resonanz im politischen Web betrifft, kam die Botschaft und auch der Humor von Vera Lengsfeld nicht an. Allerdings bedanken sich die politischen Satire-Seiten herzlich für die Steilvorlage. Das Plakat wird sicher noch von vielen aufgegriffen werden und so für Wirkung über den Tag hinaus bis zum Ende des Wahlkampfes sorgen. In vielen Analysen, zuletzt zum Deutschland-Plan von Frank-Walter Steinmeier und zum Vodafone-Spot, war zu erfahren, dass es im Web 2.0 gnadenlos ehrlich zugeht. Kommentatoren, Blogger oder Twitterer nehmen kein Blatt vor den Mund und sorgen damit für kräftige und über das Web weit verbreitete Diskussionsimpulse. So nimmt das Publikum aktiver als früher direkten Anteil an Debatten.
Im Falle Lengsfeld ist die Grundstimmung im politischen Web teilweise ungläubig und peinlich berührt, nicht selten verärgert und oft voll beißender Ironie. Man nennt das Plakat “niveaulos”, “peinlich”, “sexistisch”, “sinnfrei” oder “hohl”. Manche Autoren sprechen von “Tittitainment”, einem “Armutszeugnis” oder dem “Ekelwahlkampf in Kreuzberg”. Die äußerst wenigen positiven Beiträge stellen vor allem heraus, dass “endlich Farbe in den sonst so langweiligen Wahlkampf kommt” und das Plakat sympathischer sei als das des Kontrahenten Ströbele.
Aber auch die Reaktionen in den politischen Segmenten des Web2.0 sind aufschlussreich. Dass die Satiriker das Thema dankbar aufgreifen, haben wir schon konstatiert. Dass sich die politischen Gegner mokieren oder entrüstet zeigen, wird nicht verwundern. Bedenklicher für Frau Lengsfeld ist vermutlich, dass in der konservativen, unions-nahen Community weitgehend Funkstille herrscht (Stand 12.8. abends). Fast niemand springt ihr bei und verteidigt sie öffentlich. Die Hypothese liegt nahe, dass sie in den eigenen Reihen mit diesem Plakat nicht gerade an Ansehen gewonnen hat. Dem Wahlkampfteam der Bundespartei dürfte diese offenbar nicht abgesprochene Aktion sogar schwer im Magen liegen.







Sie lässt uns über die Berliner Tageszeitung wissen: “Wer die Selbstironie nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen”.
Aha, das ist ja auch traditionell ihr Markenzeichen: http://www.caricatura.de/Kassel/archiv/1996/barbier.htm
Freut sich auch noch wie ne Schneekönigin, daß sich tausende Besucher schlapplachen. Peinlich ist nicht gleich originell und ich muß auch nicht verklemmt sein, um diesen Mega-Fail hochnotpeinlich zu finden.